Partnerschaft: Wenn Urlaub die Beziehung killt: Psychologinnen erklären, wie man das verhindert
Im Urlaub kriselt es schnell. Zwei Expertinnen erklären, wie Paare mit Konflikten bei der Planung und in den Ferien umgehen sollten, damit die Beziehung überlebt.
Er wollte lieber an den Strand, doch ihr war mehr nach Action. Also ging es zum Mountainbiking in den Bayerischen Wald. Während sie also am Abend beseelt von den Bergtouren ihren Wein genoss, grauste es ihn schon vor dem anstrengenden Ausflug am nächsten Morgen. Zehn Tage lang ging das so, und mehr und mehr trübte sich die eigentlich schönste Zeit des Jahres immer weiter ein.
Rund ein Drittel aller Paare sind im Urlaub regelmäßig genervt von der Reise, von ihrer Begleitung und dem Reiseziel, zeigen Umfragen. Manchen geht auch das Handy-Gedaddel ihrer Partner auf die Nerven, andere vermissen Unternehmungslust und dann kollidieren immer wieder die unterschiedlichen Vorstellungen miteinander, wie genau die Reise eigentlich ablaufen soll. Für einige Paare wird die gemeinsame Zeit sogar so stressig, dass sie sich nach dem Urlaub trennen.
Wenn Urlaube zum Beziehungskiller werden
„Gerade im Urlaub gibt es vieles, über das sich Paare streiten können. Etwa den Tagesrhythmus: Will man früh aufstehen oder spät? Unternimmt man etwas nach Plan oder nicht? Die einen haben nur eine schöne Zeit, wenn man alles zusammen macht, die anderen wollen ihren eigenen Hobbys nachgehen. Wie so oft, ist es die Frage, wie man mit diesen Unterschieden umgeht“, sagt die Psychologin und Paartherapeutin Ilka Hoffmann-Bisinger.
Ihre Kollegin, Beziehungscoach Silvia Fauck, geht noch einen Schritt weiter: „Das Thema Urlaub kann ein absoluter Beziehungskiller sein. Ganz einfach, weil jeder eine andere Vorstellung vom Urlaub hat.“
Dem stern schildern beide Expertinnen, wo die typischen Streitfallen im Urlaub lauern, verraten, was Paare tun können, damit es nicht zu Konflikten kommt, und geben Tipps für den Fall, dass sich die Partner partout nicht auf eine gemeinsame Zeit einigen können.
Schatz, wohin wollen wir in den Urlaub?
Silvia Fauck: „Aufgepasst bei der Urlaubswahl. Es gibt immer noch Paare, die gar nicht miteinander sprechen. Da weiß dann der andere vom nächsten auch gar nicht unbedingt, was gewünscht ist. Deswegen ist es wichtig, sich vor der Reise zusammen hinzusetzen und zu überlegen, wie man Urlaub machen möchte.“
Ilka Hoffmann-Bisinger: „Unstimmigkeiten können schon vor dem Urlaub beginnen. Etwa wenn sich ein Partner nur widerwillig auf das Reiseziel einlässt und seinen Unwillen dann am Urlaubsort austrägt.
Oft denkt der oder die eine: 'Wenn die andere Person mich wirklich liebt, dann wird sie auch mit mir am Strand oder in den Bergen eine schöne Zeit haben. Nach dem Motto‚ wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du Knoblauch essen'. Da wird Liebe mit Bedürfnissen verwechselt.“
Was genau machen wir denn, wenn wir da sind?
Ilka Hoffmann-Bisinger: „Diese Urlaubsvorstellung, dass man die ganze Zeit händchenhaltend über Strände, Berge oder durch fremde Städte läuft, ist zwar romantisch, aber leider unrealistisch.
Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse, und gerade im Urlaub möchte man auch mal sein Ding machen können.“
Silvia Fauck: „Der Klassiker: Sie freut sich das ganze Jahr darauf, mit ihm im Urlaub endlich auf der Liege zu liegen. Er steht auf Sightseeing oder will sich Zeit nehmen, Sport zu machen. Aber das macht nichts. Dann verbringen beide einen Tag zusammen und am nächsten Tag machen sie, was sie wollen. Abends treffen sie sich und erzählen sich von ihren Erlebnissen.“
Puh, ich liebe dich ja, aber wir hocken schon sehr viel aufeinander.
Ilka Hoffmann-Bisinger: „Zu viel Nähe auf Reisen ist auch ein Klassiker. Im Alltag sind wir oft abgelenkt durch alles Mögliche: Beruf, Kinder, Haushalt. Da ist gemeinsame Zeit selten oder sie wird oft unterbrochen. Anders im Urlaub: Da tritt die Beziehungsdynamik deutlicher hervor – das, was ohnehin schon da ist, zeigt sich wie unter einer Lupe.“
Silvia Fauck: „Ich habe schon oft gehört, dass Paare sagen: Wir sind froh, wenn wir wieder zu Hause sind und unseren Alltag haben.“
Muss es unbedingt das 5-Sterne-Hotel sein? Reicht nicht auch eine kleine Pension?
Ilka Hoffmann-Bisinger: „Geld ist ein immer wiederkehrendes Thema. Gerade wenn Paare unterschiedlich viel verdienen, was oft vorkommt. Ich empfehle, dass beide Partner prozentual zum eigenen Einkommen in die Urlaubskasse einzahlen. Wenn einer oder eine wesentlich mehr verdient, kann der eine den anderen auch mal einladen.“
Ich habe Flugangst, du magst nicht Autofahren – wie sollen wir eine schöne Reise machen?
Silvia Fauck: „Ängste können die Urlaubswahl sehr einschränken, und da hilft erst einmal nur Rücksicht nehmen. Aber irgendwann muss auch derjenige mit der Flugangst und dem Autoproblem an sich arbeiten.“
Ilka Hoffmann-Bisinger: „Da hilft es nur, sich Reiseziele zu suchen, die keine Probleme bereiten oder auch getrennte Urlaube zu machen.“
Früher mochtest Du doch immer gerne auf Kreuzfahrt gehen, warum jetzt plötzlich nicht mehr?
Silvia Fauck: „Wir dürfen nicht vergessen, dass Partner sich verändern. Beide. Was ich vor fünf Jahren noch mega fand, finde ich vielleicht jetzt unmöglich. Deshalb werden Ehen auch noch nach 30 Jahren geschieden.“
Urlaub auf dem Bauernhof brauche ich jetzt nicht, aber für die Kinder wird es bestimmt toll.
Ilka Hoffmann-Bisinger: „Kinder verändern die Dynamik noch einmal ganz anders. Wenn sie klein sind, dreht sich auch im Urlaub sehr viel um sie. Da müssen Paare auf einiges verzichten. Ich habe eine Klientin, die sich wegen der Kinder überhaupt nicht auf Urlaube freut, denn sie befürchtet, auf ihre Erholung verzichten zu müssen. Ihr Anspruch an sich als Mutter ist leider so hoch, dass sie glaubt, ihre Bedürfnisse immer hinter die der Kinder stellen zu müssen. Sie muss aber lernen, dass es allen hilft, wenn es ihr gut geht.“
Silvia Fauck: „Zwei unterschiedliche Meinungen können schon schwierig werden, bei vier oder fünf wird es richtig kompliziert. Auch da hilft es, zu bereden, was man im Urlaub erleben möchte. Ab einem bestimmten Alter entwickeln Kinder ohnehin eigene Wünsche und wollen vielleicht nur noch ab und zu etwas mit den Eltern machen. Oder gar nichts mehr und stattdessen was mit Freunden unternehmen.“
Irgendwie kommen wir mit unserer Urlaubsplanung nicht weiter – und nun?
Silvia Fauck: „Mein Credo für eine gute Beziehung ist: Schreiben Sie sich gegenseitig einen Wunschzettel, wenn etwas schiefläuft. Es geht nicht darum, alle Wünsche zu erfüllen, sondern darum, ein besseres Gefühl für den anderen zu bekommen und Gemeinsamkeiten auszuloten.“
Dann fährst Du eben nach Mallorca und ich nach Dänemark.
Silvia Fauck: „Getrennt Urlaub machen ist eine super Möglichkeit, wenn die Wünsche sehr auseinanderliegen. Das ist auch eine interessante Option für Paare, die mehrere Kinder haben. Da fahren die einen mit dem Vater an die See und die Mutter mit den anderen in die Berge.
Für eifersüchtige Menschen, die dem Partner nichts gönnen, ist das natürlich schwierig. Aber letztlich geht es darum, dass eine Beziehung Kommunikation braucht.“
Ilka Hoffmann-Bisinger: „Getrennte Reisen – der eine ins Luxushotel, die andere auf den Campingplatz – ist auch eine Möglichkeit, wenn beide damit einverstanden sind.“
Hohe Hoffnungen und Erwartungen: Urlaub ist wie Weihnachten
Das letzte Mal war unser Urlaub ein Flop. Das passiert uns dieses Jahr hoffentlich nicht wieder.
Ilka Hoffmann-Bisinger: „Im Grunde sind Urlaube wie Weihnachten: Daran werden große Hoffnungen und Erwartungen geknüpft, dann laufen Dinge nicht wie geplant und Enttäuschung macht sich breit. Im Jahr darauf geht das Spiel von vorne los: große, aber unerfüllte Erwartungen. Dieser Kreislauf passiert meist dann, wenn man die Fallstricke eigentlich kennt, sich aber nicht damit auseinandersetzen möchte.
Für eine Beziehung ist es positiv, einmal fünfe gerade sein zu lassen und nicht alles nachzutragen. Gleichzeitig tut zu viel Verdrängung aber auch nicht gut. Am besten ist eine Mischung aus genauem Hinschauen und gleichzeitigem Loslassen. Das gilt natürlich nicht nur für den Urlaub.“
Vielleicht nutzen wir die Zeit im Urlaub, um in Ruhe über unser Problem zu sprechen.
Ilka Hoffmann-Bisinger: „Ich finde, im Urlaub kann man auch mal schwierigere Themen besprechen. Nur sollte es nicht zu einem ‚Problemurlaub' ausarten, wo solche Gespräche ewig ausgedehnt werden. Mein Tipp: Verabreden Sie sich, setzen Sie sich einen Zeitrahmen von vielleicht einer Stunde. Trinken Sie vorher lieber keinen Alkohol und finden Sie ein Ende.“
Silvia Fauck: „Um im Urlaub Probleme zu besprechen, muss man schon sehr entspannt sein. Und wenn sehr unterschiedliche Meinungen rauskommen, ist der Urlaub hin.“
Nirgends ist Sex so gut wie im Hotelbett
Meinst Du, jetzt ist wirklich eine gute Zeit, wegzufahren?
Silvia Fauck: „Wenn es eine große Notsituation in der Familie oder im gemeinsamen Leben gibt, dann glaube ich, verbietet sich das Verreisen von allein. Aber: Die einen brauchen Abstand, die anderen schleppen ihren Sorgen-Rucksack mit sich herum.
Bevor man einen dicken Urlaub bucht, hilft manchmal auch eine kleine Auszeit. Ein Wochenende in einem schicken Hotel in der gleichen Stadt. Einfach mal, um ohne Riesenaufwand rauszukommen. Denn: Nirgends ist Sex so gut wie im Hotelbett.“