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WM in Mexiko: Fifa-Show trifft Missstände – viele gegen die Regierung sind

Mexiko feiert seine dritte Fußball-WM mit Feuerwerk, Kampfjets und Millionen begeisterten Fans. Doch hinter der Euphorie brodelt es gewaltig. Aus Mexiko-Stadt berichtet Marc Pfitzenmaier Als Pop-Superstar Shakira ihren Auftritt beendete, schoss Feuerwerk in den Himmel über dem Estadio de Mexico, zwei Militärhelikopter flogen mit einer riesigen Nationalflagge in ihrer Mitte um das Stadion. Kurz darauf donnerten Kampfjets über die Köpfe der Fans und zeichneten die Farben der mexikanischen Nationalflagge in den Himmel. Die historische Spielstätte, die alle nur bei ihrem ursprünglichen Namen Estadio Azteca (Aztekenstadion) nennt, bebte unter dem Jubel der Fans. Es war nicht zu übersehen, dass sich die Fifa für die Austragung dieser Weltmeisterschaft an Groß-Events wie dem amerikanischen Superbowl orientiert hat. Eine Flut in grüne Trikots gekleideter Fußball-Liebhaber hatte sich in den Stunden vor dem Anpfiff in Richtung Stadion bewegt. Hunderttausende mehr sammelten sich auf den öffentlichen Plätzen der Hauptstadt vor riesigen Leinwänden, um das Auftaktspiel zwischen Mexiko und Südafrika zu verfolgen. Doch die Gigantomanie dieser Weltmeisterschaft löst in Mexiko nicht nur Begeisterung aus. Von den drängenden Problemen des Landes kann sie nicht wirklich ablenken, wie im Vorfeld des WM-Starts in Mexiko-Stadt deutlich wurde. Steine und Tränengas: Mexikaner randalieren vor WM-Stadion Wirbel um Schiedsrichter bei Eröffnungsspiel: "Das bleibt hängen, das ist schade" Berichte über Proteste von Lehrergewerkschaften, die die größte Fanmeile der WM blockierten, und Aktionen von den Angehörigen sogenannter Desaparecidos (Verschwundener) geben der WM-Euphorie einen bitteren Beigeschmack. Sie drohten in den Tagen und Stunden vor dem Eröffnungsspiel die Hauptstadt gar ins Chaos zu stürzen. Mexiko gilt vielen als das Herz der WM Dabei gilt Mexiko vielen als das Herz dieses Turniers. Kein Land hat mehr Weltmeisterschaften ausgerichtet als das lateinamerikanische Land, das nun schon zum dritten Mal Gastgeber einer WM ist. Zwar finden nur 13 der insgesamt 104 Spiele dort statt, doch es ist auch das einzige der drei Gastgeberländer, in dem Fußball unangefochtener Nationalsport ist. In Kanada ist Fußball trotz wachsender Popularität kaum massentauglich, und in den USA verweigert Donald Trump ganzen Nationalteams oder renommierten Schiedsrichtern die Einreise. Ausländische Fans zweifeln also nicht nur angesichts astronomisch hoher Ticket-Preise ernsthaft an der amerikanischen Gastfreundschaft. In Mexiko dagegen wurde in den vergangenen Tagen das Netz mit Beiträgen geflutet, in denen ausländische Fans von ihren Gastgebern gefeiert werden. Seit Wochen werden auf Hochtouren zentrale Metrostationen renoviert, Häuser und Gehwege bekommen neue Anstriche, der Flughafen wurde modernisiert und insgesamt 18 Public-Viewing-Möglichkeiten auf zentralen Plätzen der Stadt eingerichtet. Das Land will sich von seiner besten Seite zeigen. Im Kontrast dazu steht der Protest vieler Gruppen gegen die Regierung von Präsidentin Claudia Sheinbaum. Gewerkschaften hatten in der vergangenen Woche tausende Lehrer mobilisiert, die versuchten, den Zócalo, den Platz im Herzen der Stadt mit dem größten Fan-Fest dieser WM, zu besetzen. Bilder von Zusammenstößen mit der Polizei, die mit Gummigeschossen und Tränengas gegen die Demonstranten vorgingen, dominierten tagelang die Berichterstattung. Die Lehrer hatten in den Straßen des historischen Zentrums ihre Zelte aufgeschlagen, um gegen prekäre Arbeitsbedingungen zu protestieren und Zugeständnisse der Regierung zu erzwingen. Ihre Nachricht an die Präsidentin: "Wenn es keine Lösung gibt, wird der Ball nicht rollen." Zu tausenden waren sie am Donnerstag auch in Richtung des Stadions gezogen, um ihre Drohung wahrzumachen, wurden aber von Sicherheitskräften aufgehalten. Die Proteste hatten dennoch spürbare Folgen: Zahlreiche Metro-Linien und Hauptverkehrsstraßen wurden schon am frühen Donnerstagmorgen gesperrt, den Weg zum Stadion mussten sich die Fans teils stundenlang zu Fuß bahnen. Darunter auch Carlos Morales, der mit seiner Frau und seinem achtjährigen Sohn einen Weg vorbei an Polizeiabsperrungen zum Stadion sucht. Mehrere hundert Euro für ein Ticket kann er sich nicht leisten. Auch in Mexiko sind die Preise dank der neuen "dynamischen Preisgestaltung" der Fifa für die meisten Menschen unbezahlbar – für das Eröffnungsspiel begannen sie bei rund 300 Euro. Doch allein "für das Erlebnis" habe es sich gelohnt, die fast drei Stunden Fußmarsch von der nächstgelegenen, noch offenen Metrostation auf sich zu nehmen. WM 2026: Alle Nachrichten im Newsblog Drei Rote Karten: Mexiko siegt zum Auftakt Über eine gesperrte Brücke schaffen er und hunderte andere Fans es, dem Stadion zumindest nah genug für ein gutes Foto zu kommen. Strahlend knipst er seinen Sohn vor dem Stadion-Panorama, der einen Weltmeisterschaftspokal aus Plastik in die Kamera hält. Am unteren Ende der Brücke schreien die Angehörigen von sogenannten "Desaparecidos" ihre Wut und Verzweiflung dem Stadionlärm entgegen. Mehr als 130.000 solcher Vermisster zählen mexikanische Behörden. Die meisten gehen auf die Gewalt von Drogenkartellen und Banden zurück. Da staatliche Behörden oft nicht ausreichend ermitteln, haben sich Tausende Angehörige – meist Mütter – zu Suchgruppen zusammengeschlossen. "Zehntausende sind verschwunden" "Die ganze Welt soll mitbekommen, dass die Regierung uns im Stich lässt", sagt Eulalia Bermudez, deren Neffe vor zwei Jahren von Kriminellen entführt wurde und seither verschwunden ist. Die 63-Jährige ist Anhängerin der linken Präsidentin Claudia Sheinbaum, deren Regierung vieles verbessert habe. Doch sie hat kein Verständnis dafür, dass ein Land mit so vielen Missständen wie Mexiko eine WM ausrichtet. "Der Staat investiert Milliarden in eine Fußball-Veranstaltung, gleichzeitig sind unsere Sicherheitsbehörden völlig unterfinanziert", sagt sie, ein Plakat mit dem Gesicht ihres Neffen in der Hand. "Zehntausende sind verschwunden, weil niemand sie sucht, zehntausende unidentifizierte Tote liegen in Leichenschauhäusern. Wir brauchen Behörden, die so ausgestattet sind, dass sie diese Probleme lösen können." Trotz aller Proteste ist der Auftakt dieser WM auch von Euphorie geprägt. Erst recht nach dem souveränen 2:0-Sieg der Mexikaner. Zwölf weitere Partien werden zeigen, wie sich der Gastgeber aus Lateinamerika mit dieser WM in die Geschichtsbücher einträgt. Dass das Land auch unter schwierigen Vorzeichen legendäre Turniere ausrichten kann, hat es bereits in der Vergangenheit bewiesen. Als Mexiko 1970 erstmals Gastgeber einer WM war, lag das Tlatelolco-Massaker kaum zwei Jahre zurück – Hunderte Studenten waren bei der brutalen Niederschlagung einer Protestbewegung gegen das damalige autoritäre Regime getötet worden. Und 1986 richtete das Land die WM aus, während die Hauptstadt noch an den Folgen eines katastrophalen Erdbebens litt, dem kurz zuvor tausende Menschen zum Opfer gefallen waren. Beide Male wurde trotzdem Fußballgeschichte geschrieben – 1970 von Brasiliens legendärem Team um Pelé, 1986 von Diego Maradona , der Argentinien gegen die Bundesrepublik zum Weltmeistertitel führte.

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